{"id":1377,"date":"2013-10-26T00:08:05","date_gmt":"2013-10-25T23:08:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/?p=1377"},"modified":"2013-10-26T00:08:05","modified_gmt":"2013-10-25T23:08:05","slug":"grammatik-deine-mudda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/grammatik-deine-mudda\/","title":{"rendered":"Grammatik? Deine Mudda"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was es mit Kiezdeutsch auf sich hat. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen untersch\u00e4tzten Dialekt.<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201cIsch bin Hermannstra\u00dfe.\u201d, schreit der Junge ins Handy. \u201cMussu nisch so stress machen, lan.\u00a0Ja, wenn isch dir sag! S-Bahn hat Versp\u00e4tung. Wallah!\u201d\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Solche Gespr\u00e4che hat wohl jeder von uns schon mal mitgeh\u00f6rt, der in einer gr\u00f6\u00dferen Stadt lebt.\u00a0Ich habe lange an besagter Stra\u00dfe gewohnt und ja, auch die S-Bahn kam so gut wie immer\u00a0zu sp\u00e4t \u2013 Solche mitgeh\u00f6rten Gespr\u00e4chsfetzen pr\u00e4gten also meinen Alltag. Was in meinen\u00a0Ohren vertraut und nach Zuhause klingt, wird in der \u00f6ffentlichen Debatte h\u00e4ufig als <strong>fehlerhaftes\u00a0Deutsch<\/strong> wahrgenommen. Zeitungen wie die <em>Frankfurter Allgemeine<\/em> oder die <em>Welt<\/em> sehen\u00a0darin &#8222;Ein eigenartiges nicht Duden-kompatibles Gossen-Stakkato&#8220; oder gar den \u201cVerfall der\u00a0deutschen Sprache\u201d.<\/p>\n<p><strong>Kiezdeutsch entsteht dort, wo viele Kulturen aufeinander treffen\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/media.media_.c1e34634-b73b-42e7-bfed-4d70a564c13a.normalized.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1388 alignright\" alt=\"media.media.c1e34634-b73b-42e7-bfed-4d70a564c13a.normalized\" src=\"http:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/media.media_.c1e34634-b73b-42e7-bfed-4d70a564c13a.normalized.jpeg\" width=\"326\" height=\"214\" srcset=\"https:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/media.media_.c1e34634-b73b-42e7-bfed-4d70a564c13a.normalized.jpeg 510w, https:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/media.media_.c1e34634-b73b-42e7-bfed-4d70a564c13a.normalized-300x197.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 326px) 100vw, 326px\" \/><\/a>Ganz anders sieht das Heike Wiese, Professorin f\u00fcr Germanistik an der Universit\u00e4t\u00a0Potsdam. Sie forscht seit Jahren auf dem Gebiet der <strong>Sozio-Linguistik<\/strong> und pr\u00e4gte den\u00a0Begriff \u201c<strong><em>Kiezdeutsch<\/em><\/strong>\u201d: So wird eine vor allem von Jugendlichen gesprochene Auspr\u00e4gung der deutschen Sprache genannt, die sich aus dem Kontakt von <strong>unterschiedlichen\u00a0Sprachen und Kulturen<\/strong> entwickelt hat. Entgegen einem verbreiteten Vorurteil wird diese\u00a0Sprachform nicht nur von Jugendlichen t\u00fcrkischer oder arabischer Herkunft verwendet \u2013 Auch\u00a0<strong>viele deutsche Jugendliche<\/strong> sprechen Kiezdeutsch. \u00c4hnliche Sprachformen gibt es \u00fcbrigens\u00a0auch in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wie Schweden, D\u00e4nemark oder der Niederlande. Man\u00a0spricht von sogenannten <strong>Multi-Ethnolekten<\/strong>, da sich diese Sprachformen in Vierteln entwickelt\u00a0haben, in denen viele Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander treffen.<\/p>\n<p><strong>Das Standdardeutsche als Mittel zur Abgrenzung<\/strong><\/p>\n<p>Daher kommt auch die Geringsch\u00e4tzung f\u00fcr diese Form der Sprache: In Deutschland sind es vor allem\u00a0sozial schwache Menschen, die in Stadtvierteln mit <strong>hohem Migrantenanteil<\/strong> leben. Und der\u00a0Sprachgebrauch von sozial niedriger gestellten Menschen wird generell als negativ empfunden,\u00a0wie Wiese betont. Sie attestiert den Deutschen eine besonders starke \u201cideologische\u00a0Verbundenheit\u201d mit dem <strong>Standarddeutschen<\/strong>. Diese Variante des Hochdeutschen, eine\u00a0Mischung s\u00e4chsischer Grammatik und nieders\u00e4chsischer Aussprache, entwickelte sich Ende\u00a0des <strong>17. Jahrhunderts<\/strong>: Die Mittelschicht, die den Dialekt popul\u00e4r machte, wollte sich dadurch\u00a0von weniger gebildeten Gruppen abgrenzen.<\/p>\n<p>Was als Standard bzw. als annehmbare Abweichung gilt basiert laut Wiese auf einem\u00a0<strong>Wertesystem<\/strong> \u2013 also auf einer von der Gesellschaft getroffenen Verabredung \u2013 weniger auf\u00a0Fakten. Anders ist es nicht zu erkl\u00e4ren, dass das Kiezdeutsch es so schwer hat, w\u00e4hrend\u00a0regionale Dialekte weitgehend akzeptiert werden. Schlie\u00dflich weichen diese doch ebenso\u00a0vom Standarddeutschen ab. Kaum jemand w\u00fcrde aber einem Bayer, Hessen oder Berliner\u00a0vorwerfen, er spreche kein richtiges Deutsch und wolle sich nicht integrieren.<\/p>\n<p><strong>Kiezdeutsch bereichert die deutsche Sprache<\/strong><\/p>\n<p>Das Kiezdeutsch, so Heike Wiese, verw\u00e4ssere und verf\u00e4lsche die deutsche Sprache nicht,\u00a0es bereichere sie und mache sie <strong>vielf\u00e4ltiger<\/strong>. Die Wissenschaftlerin m\u00f6chte erreichen, dass\u00a0Kiezdeutsch als neuer,<strong> eigener Dialekt<\/strong> anerkannt wird. Sie findet zahlreiche Beispiele f\u00fcr die\u00a0Besonderheiten dieser Sprachform:<\/p>\n<ul>\n<li>Aussprache: \u201c<em>Isch hab disch gesehn<\/em>\u201d &gt; Die Endung -ich wird zu -isch<\/li>\n<li>Zusammenziehungen: \u201c<em>Mussu aussteigen<\/em>.\u201d<\/li>\n<li>Weglassen von Artikeln oder Pr\u00e4positionen: \u201c<em>Wir gehen Hermannplatz<\/em>\u201d \/ \u201c<em>Hast du\u00a0Handy?<\/em>\u201d &gt; Aber: \u201c<em>Wir gehen zu Mario.<\/em>\u201d<\/li>\n<li>Lehnw\u00f6rter: \u201c<em>Wallah<\/em>\u201d (aus dem arabischen \u201c<em>bei Gott<\/em>\u201d) &gt; Wird benutzt um etwas zu\u00a0bekr\u00e4ftigen, in etwas wie \u201c<em>echt<\/em>\u201d. Steht immer am Anfang oder Ende eines Satzes.<\/li>\n<\/ul>\n<p><a href=\"http:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/3738828294.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-1381\" alt=\"3738828294\" src=\"http:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/3738828294.jpg\" width=\"549\" height=\"310\" srcset=\"https:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/3738828294.jpg 610w, https:\/\/www.language-trainers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/3738828294-300x169.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 549px) 100vw, 549px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kiezdeutsch ist ein <strong>System mit Regeln<\/strong>, <strong>eigenen W\u00f6rtern<\/strong>, <strong>Wendungen<\/strong> und einer <strong>spezifischen\u00a0Aussprache<\/strong> \u2013 Weist also alle Eigenschaften eines <strong>Dialekts<\/strong> auf. Die Geringsch\u00e4tzung f\u00fcr\u00a0diese Sprachvariante erkl\u00e4rt Wiese damit, dass die Vorteile gegen\u00fcber den Sprechern auf\u00a0die Sprache selbst geschoben werden. Auch dass es sich um eine <strong>Jugendsprache<\/strong> handele,\u00a0verst\u00e4rke diese Tendenzen: Schlie\u00dflich sei die Kritik an Jugendsprache so alt wie die Kritik an\u00a0Jugendkulturen insgesamt.<\/p>\n<p><strong>Unsere Buchempfehlung:<\/strong><br \/>\nHeike Wiese: \u201cKiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht\u201d, Verlag. C. H. Beck, 280 Seiten, 12,95 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Was es mit Kiezdeutsch auf sich hat. 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