Es gibt viele Gründe, eine Sprache zu lernen. Auf manche muss man erst einmal kommen: Wie uns Fremdsprachen helfen können, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Treffen wir die gleichen Entscheidungen, egal ob wir es in unserer Muttersprache oder in einer anderen Sprache tun? Instinktiv würde ich diese Frage mit “Ja” beantworten. Dass unser Instinkt mitunter trügerisch ist, zeigt eine Studie der University of Chicago, auf die ich vor kurzem gestoßen bin.

Die Wissenschaftler der University of Chicago wollten in dem Versuch herausfinden, wie sich die Sprache auf das Denken auswirkt. Dafür wiederholten sie ein Experiment des Psychologen und Nobelpreis-Gewinners Daniel Kahnemann. In dem von ihm entworfenen (natürlich rein hypothetischen) Szenario entscheiden die Studienteilnehmer über 600 Menschenleben: Entweder können sie 200 Menschen mit Sicherheit retten, oder sie versuchen alle in Sicherheit zu bringen – riskieren dabei allerdings, dass niemand überlebt.

Was darüber entscheidet, ob wir Risiken eingehen

Phrenology1.jpgIn der Chicagoer Studie entschieden sich zunächst 80% für die sichere Option. Wurde jedoch ausdrücklich auf die 400 Menschen hingewiesen, die bei dieser Variante ums Leben kommen würden, fiel die Quote auf 46%. Instinktiv tendieren wir dazu, Risiken zu meiden. Sehen wir uns jedoch mit möglichen hohen Verlusten konfrontiert, gehen wir lieber das Risiko ein – obwohl die Ausgangssituation dieselbe bleibt. Die Antwort hängt also stark davon ab, welchen Aspekt man bei der Fragestellung hervorhebt (dieses Phänomen bezeichnet man als Framing-Effekt).

Die Wissenschaftler aus Chicago gingen noch einen Schritt weiter als Kahnemann: In ihrer Studie befragten sie ausschließlich Personen, die eine Fremdsprache gelernt hatten – In diesem Fall Amerikaner, die auch Japanisch sprachen. Eine Hälfte wurde auf Englisch, die andere auf japanisch befragt. Die Gruppe, die nicht in ihrer Muttersprache befragt wurde, entschied sich zu 60% für Variante Nr. 2  – unabhängig davon welcher Aspekt in der Frage hervorgehoben war: Der Framing-Effekt trat hier also nicht auf, die Teilnehmer waren deutlich weniger beeinflussbar.

Ein weiteres Experiment wurden mit Koreanern durchgeführt, die Englisch studiert hatten. Ihnen wurde eine bestimmte Geldsumme zur Verfügung gestellt, die sie bei Wettspielen einsetzten konnten. Hier standen einem wahrscheinlichen hohen Gewinn mögliche kleine Verluste gegenüber. Dennoch folgten die Teilnehmer ihrem Instinkt und setzten das Geld nicht ein. Die Versuchsgruppe, die auf englisch spielte, entschied weniger emotional und setzte auf den wahrscheinlichen Sieg.

Andere Sprache, anderes Denken

Die Chicagoer Forscher schließen aus den Versuchen, dass wir in intuitiver und emotionaler handeln, wenn wir in der Muttersprache denken, da der Denkprozess automatischer abläuft. Eine Fremdsprache verlangt uns eine größere kognitive Leistung ab, sprich: Wir müssen mehr und bewusster nachdenken. Dies hilft uns eine rationalere Entscheidung zu treffen, Risiken richtig einzuschätzen und weniger empfänglich für Beeinflussung von Außen zu werden. Ein Grund mehr, eine neue Sprache zu lernen.

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